Nullerjahre

Vor einigen Wochen schrieb mich eine Freundin an. Ob ich mitkommen wolle zu einer Lesung. Sie erzählte von einem HipHop-Duo aus Berlin, von denen einer aus ihrer Heimat käme und der andere aus Ostdeutschland. Von einem Podcast, denn ich unbedingt hören müsse. Ich höre keine Podcasts und brummelte etwas verhalten Zustimmendes. Aber zur Lesung wollte ich mit – hatte ich mir doch vorgenommen, endlich aus dem Corona-Sofa-Loch hervorzukommen und wieder mehr zu machen. Direkt davor bereute ich es natürlich – was interssierte mich ein HipHopper aus Berlin? Nichts könnte ferner von meiner Lebensrealität sein. Außerdem musste ich am Mittwoch früh raus. Aber ich hatte Eintritt bezahlt, es versprochen und wollte ja ohnehin von meinem durchgessenen Sofa runter.

Und so saß ich am Dienstag Abend auf einem harten Holzstuhl in der Darmstädter Centralstation, als drei Menschen schwungvoll auf die Bühne traten. Einer hatte ein gelbes Buch in der Hand und begann es mit den Worten vorzustellen: „Die Generation, die zehn Jahre vor mir im Osten geboren wurde, hat die DDR noch erlebt und ihre Jugend im Chaos verbracht. Wir sind gleich ins Chaos hineingeboren wurden.“ Ich rutschte auf meinem Holzstuhl ein Stück vor und fixierte ihn – da sprach jemand mit der größten Selbstverständlichkeit vom Chaos, als das ich meine Jugend empfunden hatte, so als wäre es eine Tatsache. Und von einer Generation, die ich immer ein wenig beneidet hatte: die nach mir – weil ich dachte, dass sie diesen Umbruch nicht mehr erleben mussten. Aber natürlich – Kindheitschaos ist vermutlich nicht viel angenehmer als Jugendchaos. Hendrik Bolz, der HipHopper mit der vermutet fernen Lebensrealität, hatte meine ungeteilte Aufmerksamkeit.

Den Rest des Abends und eigentlich die darauffolgenden Wochen, verbrachte ich in einer gewissen inneren Aufruhr. Hendrik Bolz las von Hoffnungslosigkeit, fehlenden Grenzen und einer Atmosphäre von Gewalt, wie ich sie Anfang der 90er auf der Realschule in Jena erlebt hatte. Ich hatte das immer für eine individuelle Erfahrung gehalten und vermutet, dass ich – behütetes Kind einer Akademikerfamilie – zu empfindlich gewesen war und harmlose Dinge als zu dramatisch wahrgenommen hatte. Aber er beschrieb genau das und es klang auch in seiner Beschreibung dramatisch – war das vielleicht ein strukturelles Problem der Nachwendezeit gewesen und gar nicht mein persönliches?

In den folgenden Wochen kann ich das Buch noch nicht lesen. Aber ich höre zum ersten Mal einen Podcast, den, „Testo“ (so der Künstlername von Hendrik Bolz) gemeinsam mit dem anderen Teil von des HipHopperDuos „Zugezogen Maskulin“ betreibt. Höre Geschichten vom Aufwachsen in West- und Ostdeutschland und in den ostdeutschen Geschichten immer wieder das gleiche Erleben von Chaos, Gewalt und Haltlosigkeit, das ich auch empfunden hatte. Ich entdecke einen mir bis dahin unbekannten Hashtag auf Twitter, die #baseballschlägerjahre, und lese dort Geschichten von brutaler Nazigewalt, von Schlägen, Rennen und abwesender Polizei. Und langsam beginnt sich mein eigenes Erleben in diese Geschichten einzuordnen und lang verschüttete Bruchstücke tauchen auf.

Von Kindern, die durch durch ein Loch im Schulzaun auf die benachbarte, verlassene Sowjetkaserne kriechen und im Boden Munition finden, die sie mit auf dem Schulhof nehmen. Von Lehrer*innen, die hilflos und verängstigt vorn stehen, während die ganze Klasse die Tische grölend auf sie zuschiebt, bis sie weinend rausrennen. Von Kindern, die im Unterricht so schlimm geärgert werden, dass sie nicht mehr zur Schule kommen. Von Prügeleien vor der Schule, bei denen Kinder zu Boden getreten und weiter geschlagen werden, ohne das jemand eingreift. Von Schlägern, die am nächsten Tag versuchen, sich mit mir normal zu unterhalten, als wäre das keine Ausnahmesituation gewesen. Von einer Polizei, die nicht kommt, von SS-Runen und Hakenkreuzen, die im Unterricht herumgehen. Von Lehrer*innen, die nichts dazu sagen, weil sie auch nicht wissen, ob das jetzt richtig oder falsch ist im neuen Staat. Von Unterricht, der nicht stattfindet, weil die Lehrer*innen auf Fortbildung, ständig auf Fortbildung sind. Von Lehrplänen, die noch gar nicht da sind. Und von Angst. Von Lehrer*innen, die auf dem Schulausflug zueinander sagen „Vor dem Tobias, da hab ich echt Angst, der ist dumm und gewalttätig.“, die aber trotzdem nicht gegen ihn vorgehen. Von Glatzen, Springerstiefeln, betrunkenen Skinheads, der Angst Straßenbahn zu fahren, von Demütigungen, Alkohol, Drogen, Orientierungslosigkeit und Nazis, die plötzlich allgegenwärtig sind. Von meiner eigenen 13jährigen Unfähigkeit die Welt, die ich in der Schule erlebe mit den Werten von zu Hause und den Büchern in Einklang zu bekommen, die ich lese. Von Mitschülern ohne Haare und in Springerstiefeln, die im ersten Anlauf im Bewerbungsgespräch bei der Polizei genommen werden. Von einer Polizei, die nicht kommt, wenn sie zu Nazischlägereien gerufen wird, die aber Mitglieder der Jungen Gemeinde Stadtmitte für 30 Minuten an der Wand stehen lässt, um ein Gramm Hashisch zu finden. Von der tiefen ungläubigen Verwunderung darüber, was mit meiner Welt passiert und warum ich dort nicht mehr hineinpasse. Von abwesenden Erwachsenen, die so gefordert vom Umbruch sind, dass sie uns nicht mehr sehen. Und von dem unglaublichen Gefühl von Sicherheit, Ordnung und Zuverlässigkeit, das ich empfinde, wenn ich meine Großcousine in Münster/Westfahlen besuche, in einer Welt, die sich nicht mehr von meiner unterscheiden könnte und um die ich sie so sehr beneide.

Über Weihnachten lese ich endlich das Buch. Und verstehe zum ersten Mal, wie sich die, die prügelten, mobbten und provozierten vielleicht gefühlt haben. Und ich verstehe auch zum ersten Mal, dass ich nicht zu empfindlich war, dass die Angst vor Hass, Gewalt und Regellosigkeit völlig angemessen war, in dem Umfeld, in dem ich mich damals bewegte. Es ist als würde sich in meinem Inneren etwas verschieben, plötzlich rücken viele Puzzleteile auf eine andere Stelle. Das Puzzle ist noch lange nicht fertig, aber ich bin der Freundin dankbar, dass sie mich von Coronasofa gezerrt hat und Hendrik Bolz für ein ungewöhnlich klarsichtiges Buch, das, zumindest für mich, sehr wichtig war zu lesen.