Krasser Titel, klingt irgendwie nach östwestlicher Diwan. Das ist natürlich nicht gemeint, sondern eine Erkenntnis zu dem Thema, das mich schon seit Jahren umtreibt: Warum versteht der Westen den Osten so schlecht und umgedreht? Ja, auch umgedreht. Natürlich haben Ostdeutsche, grade, wenn sie im Westen leben, ein viel höheres kulturelles Wissen über Westdeutschland als umgedreht. Das liegt vor allem daran, dass die westdeutsche Gesellschaft seit 70 Jahren Kontiuität erfährt (und auch mehr Kontinutität zu Kaiserreich und Weimarer Republik aufweist als Ostdeutschland), der Osten dagegen von starken Brüchen geprägt ist, die sich schwer nachvollziehen lassen. Trotzdem ist es auch für Ostdeutsche nicht leicht Westdeutschland komplett zu verstehen. Was man an der folgenden Erkenntnis merkt, für die ich 18 lange Jahre gebraucht habe.
Ok, langer Exkurs. Was ich eigentlich sagen wollte ist, dass Westdeutsche dazu neigen Ostdeutsche als eine Masse zu charakterisieren. Bei sich selbst verwehren sie sich aber oft vehement gegen den Begriff „westdeutsch“ – das könne man nicht verallgemeinern, es sind ja nie alle gleich. Ich stand da lange perplex und leicht sprachlos davor. Warum glauben viele „ostdeutsch“ als Sammelbezeichnung kultureller Eigenschaften nutzen zu können, werden sich aber dagegen, dass ihnen selbst eine bestimmte kulturelle Prägung zugesprochen wird? Für mich war das lange ein Mysterium, das ich nicht lösen konnnte. Wie froh war ich, als ich es vor ein paar Tagen verstand: Ein Teil des westdeutschen Selbstverständnisses wurzelt im Individualismus. Und zwar nicht einfach dem amerikanischen „ich will mich mit krassen Waffen gegen den Staat verteidigen dürfen“-Individualismus, sondern Individualismus und selbstständiges Denken als Mittel der Abwehr gegen den Faschismus. Wer selbst denkt, kann nicht von bösen Ideologien vereinnahmt werden. Daher kommt die Abwehr gegen „westdeutsch“ als Sammelbegriff – ich denke so selbstständig, man kann mich nicht auf einer Linie mit anderen verorten. Paradoxerweise ist es hier eine kulturelle Gemeinsamkeit, die den Westdeutschen sagt, sie dürften keine kulturellen Gemeinsamkeiten haben. Westgermans never cease to amaze me. Die Ostdeutschen dagegen kann man als einheitliche Masse bezeichnen – sie sind ja nicht individualistisch, sondern diktaturgeprägt. Ist natürlich auch totaler Quatsch. Ostdeutschland und die Ostdeutschen sind sicher nicht so vielfältig wie Westdeutschland mit seinen jahrzehntelangen Subkulturen, aber sie komplett zu vereinheitlichen zeugt von einer beindruckenden kulturellen Blindheit.
Soweit zu einem weiteren kulturellen Rätsel, das ich für mich gelöst habe. Vielleicht kann ich es irgendwann auch besser erklären.
